
So lang ich denken kann, habe ich es vorgezogen, im Zug immer in Fahrtrichtung zu sitzen. Schließlich musste frau ja vorwärts schauen und war so immer schon ein bisschen früher da. Als ich vor ein paar Tagen in den Zug von Dresden nach Berlin stieg, setze ich mich freiwillig entgegen der Fahrtrichtung, obwohl das Abteil fast leer war. Das passte zu meiner Melancholie an diesem Frühlingsmorgen, so konnte ich den Abschied noch ein wenig hinauszögern und den vorbeiziehenden Bildern etwas mehr Zeit lassen, sich in mein Gedächtnis einzubrennen.
Denn alles, was ich vor vielen Jahren mit einem Fußtritt in ein Hinterzimmer meines Herzens befördert hatte, kommt seit Monaten schmerzhaft hoch. Irgendwie fing alles an mit dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, der mich eigentlich nicht hätte interessieren dürfen. Als die Mauer fiel, war ich schon ein knappes Jahr im Westen mit einem Umweg über Südamerika, damals wollte ich einfach nur weg, egal wie und zu welchem Preis, ich war knapp über zwanzig. Nein, eigentlich begann alles mit einem Foto in einer spanischen Tageszeitung, das ich nur durch Zufall sah. Es ist ein geniales Bild, ein Meisterschuss eines sensiblen Fotografen, des Franzosen Lionel Cironneau. (Ich lebe schon lange in einem Dorf in den Bergen von Madrid, nachdem auch der deutsche Westen mich nicht glücklich machte und mein Fernweh erneut losbrach.) Das Foto zeigt vier junge DDR-Grenzsoldaten mit Gesichtern zwischen trotzig und beschämt, die mit ihren Körpern ein Loch in der Mauer decken und im Vordergrund westdeutsche Polizisten, Reporter und Neugierige. Niemals zuvor ist mir so bewusst geworden, mit welchen netten Jungs ich damals aufgewachsen bin und dass es diese Mischung aus Unschuld, Aufrichtigkeit und Kameradschaft heute nicht mehr gibt.
Seitdem habe ich Sehnsucht. Denn dieses Bild und die Emotionen, die es bei mir auslöste, waren nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich fuhr wieder in meine Heimatstadt Schwerin, zeigte sie meinen Kindern, ich war lange nicht mehr dort gewesen, seitdem der Krebs meine Eltern in den neunziger Jahren zu früh ausgelöscht hatte. Dann begann ich die alten Platten wieder aufzulegen, Silly zum Beispiel. Als die neue CD mit Anna Loos herauskam, habe ich sie viele Male gehört und „Erinnert“ wurde zu meinem Lieblingslied. Danke Werner Karma, frau fragt sich, woher kennt der Mann mein Leben?
Es ist die Suche nach dem inneren Kind, jeder der ein wenig auf seine Seele achtet, spürt diesen Ruf, wenn die Vierziger erstmal überschritten sind. Bei zwei gescheiterten Ehen kann ich nur auf meine Kinder stolz sein, bei denen ich versucht habe, alles Positive aus dieser untergegangenen Gesellschaft, die mich geprägt hat, weiterzugeben.
Durch Zufall (gibt es den wirklich?) fand mich ein ostdeutscher Mann im Internet, über diese typisch deutsche Erfindung, die sich Parship nennt. Das heißt, gefunden haben mich viele Männer, aber jetzt interessieren mich nur noch die Jungs, mit denen ich aufgewachsen bin; um mich zu erinnern und vielleicht irgendwann wiederzufinden. Dieser Beitrag ist ein Dankeschön an sie alle und an Thomas, der mir das neue Dresden und die Parks in Sachsen zeigte, mir Pulsnitzer Lebkuchen kaufte und immer noch ein Stofftaschentuch in der Hosentasche trägt, mit dem man unter anderem regennasse Gartenstühle im Weingut Proschwitz trocknen kann. Denn die ostdeutschen Männer sind gut über diese zwanzig Jahre wilden Postkapitalismus gekommen, sie haben sich immer noch ein wenig von ihrer Jungenhaftigkeit, eine ungekünstelte Liebenswürdigkeit und einen ehrlichen Blick bewahrt.
Und dieser Beitrag ist auch eine Erinnerung an alle, die vor und nach der Wende ihre Heimat verlassen haben, aus welchem Grund auch immer. Wir alle haben unser Leben mehr oder weniger improvisieren müssen und ich weiß, dass es in vielen ostdeutschen Städten viele Mütter und Väter gibt, die noch heute darunter leiden, dass ihre Kinder so weit weggezogen sind auf der Suche nach ihrer Chance im Leben. Aber wir sind zäh und wir erfinden uns immer wieder neu. Lieder, wie die von Silly helfen dabei.